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Konflikte der Welt

Konflikte der Welt

Die Konflikte der Welt drohen in unseren Köpfen durch die Sorgen des Alltags überdeckt zu werden


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Der Sämann

Die Konflikte der Welt drohen in unseren Köpfen durch die Sorgen des Alltags überdeckt zu werdenDie Sonne wärmt meinen leicht bekleideten Körper, während ich hier oben auf dem Weinberg auf einer Bank sitze und den Blick über die Rheinebene schweifen lasse. Jetzt im Sommer, wenn dieses kräftige Grün der Maisfelder und das volle Laub der Reben die Fruchtbarkeit der südbadischen Böden ins Bewusstsein ruft, wenn die Höhenzüge des nahen Schwarzwaldes und der Vogesen still in der Mittagssonne ruhen, wird mir wieder einmal klar, in welchem Paradies wir leben.

Die Fernsehbilder des Grauens sind noch frisch und allgegenwärtig in meinen Gedanken. Nicht von hier sind die Bilder, sondern vom fernen ExJugoslawien, welches jetzt Kroatien, Serbien, Kosovo heißt, oder von den Massakern in Ruanda, wo sich Tutsi und Hutus gegenseitig abschlachten. Wo Frauen, Alte und Kinder vor Hunger sterben, verstümmelt, misshandelt und getötet werden. Die wenigen Habseligkeiten auf Pferdekarren, klapprigen Lkws oder Anhänger geladen, quälen sich die Flüchtlingsströme durch unwirtliches Gelände. Die Männer im Kampf getötet oder von Milizen massakriert. Nicht zu vergessen die schrecklichen Terrorakte in New York und Madrid. Überall Krankheit, Tod und Elend, grausame Realität der Gegenwart.

Jetzt sind sie noch frisch diese Bilder. Doch schon bald werden Empörung und Betroffenheit von den eigenen kleinen Sorgen des Alltags überdeckt.

In wenigen Wochen sind sie nur noch bruchstückhaft

Konflikte der Weltim Gedächtnis, bald vergessen oder von neuen Nachrichten des Grauens abgelöst. Kaum einer erinnert sich heute noch an die Tragödien, welche sich vor einigen Jahren in China auf dem Platz des himmlischen Friedens abgespielt haben – oder wer denkt noch an die Gemetzel in Uganda in den achtziger Jahren...

Immer wieder tauchen diese Fernsehbilder in der Erinnerung auf, brennen sich unlöschbar in mein Gehirn ein und drängen auf eine Antwort nach dem Sinn.

Da sitze ich nun auf dem Weinberg und kann nicht fassen, dieser Spezies Homo sapiens anzugehören, die zu solchen Untaten fähig ist. Ich suche nach der Bestie in mir, die in jedem Menschen sein muss.

Immer und immer wieder stellen sich mir die gleichen Fragen:

Welche Faszination üben solche Gräueltaten auf den Menschen aus?

Ist es die Gier nach Geld, nach Macht oder die Überzeugung, höherwertiger und erlesener zu sein als andere?

Ich schwebe mit meinem geistigen Auge auf einen fernen Planeten und schaue durch ein riesiges Teleskop auf unsere Erde. Die Gesamtheit der Wesen auf diesem Juwel unseres Sonnensystems gleichen Bakterien auf der Schale eines Apfels. Auch diese haben keinen geistigen Zugang zu den Zusammenhängen außerhalb ihrer Welt. Schon allein sich seiner Kleinheit bewusst zu werden, überfordert den Großteil der Menschen.

Welch kleine unscheinbare Wichte sind wir doch in der Unendlichkeit des Universums. Warum können wir nicht alle in Frieden und gegenseitiger Rücksicht leben?

Sicher entspringt die grausame Variante des menschlichen Daseins dem archaischen Unterbewussten.

Aber allein durch ein wenig geistige Anstrengung, gepaart mit einem Quäntchen Toleranz, muss es doch möglich sein, die niederen Triebe dem Wohlergehen aller unterzuordnen.

Doch die Menschheit entwickelt sich kaum. Sie wird intelligenter, aber sie ist immer noch die Bestie der Urzeit.

Was kann gefährlicher sein als eine immer intelligenter werdende Bestie?

Inzwischen sind meine Kinder zu mir gelaufen und meine Frau schickt den Hund, der mich freudig begrüßt.

„Was ist los, Papa“, fragt die ältere Tochter, „du machst irgendwie ein trauriges Gesicht.“

Sie schaut mich mit großen besorgten Augen an.

„Ich bin ein wenig nachdenklich“, erwidere ich.

„Aber auch traurig, ist etwas passiert?“, fragt die Jüngere.

„Ich erkläre es euch, wenn ihr größer seid“, beruhige ich sie mit einem Lächeln im Gesicht und einer Träne in den Augen.

Noch sind ihre Seelen jung und unverbraucht. Ich werde in ihnen die Saat des Guten säen. Die Saat von Rücksicht, Toleranz und den Sinn für Gerechtigkeit, Wachsamkeit gegenüber den Verführungen von Macht und Habgier und Immunität gegen Neid und Hass. Dies ist ein winziger Beitrag, den ich für eine bessere Zukunft der Menschheit leisten kann. Denn die Tyrannen von heute waren die ungeliebten Kinder von gestern, und die ungeliebten, missbrauchten und erniedrigten Kinderseelen von heute sind entweder die Sklaven oder die Diktatoren und Verbrecher von morgen. Wir selbst – hier und jetzt – legen den Grundstein dafür, ob wir morgen in einer Welt von rücksichtslosen, machtgierigen Egoisten oder toleranten, weltoffenen und menschlichen Mitbürgern leben.

Toleranz heißt das Zauberwort. Die Menschen sollten sich gegenseitig respektieren und achten, die körperliche und seelische Unversehrtheit des Nächsten als oberstes Gebot. Welch schöne Welt könnte es sein, welch hohes ethisches Niveau.

Es gibt viele, die ähnlich denken, aber an den Brennpunkten der Erde fehlt die Kraft, dieses Bestreben zu bündeln und die Massen in Richtung gewaltfreie Konfliktlösung zu lenken.

Die großen Religionen unseres Planeten haben so viele Gemeinsamkeiten, aber oftmals wird viel zu viel Kraft für interne Querelen verbraucht, so dass für das große Ziel wenig übrig bleibt. Auch hier sind gegenseitige Achtung und Toleranz unabdingbar. Wie kommen bestimmte religiöse Eiferer nur auf die unheilvolle Idee, dass sie im Besitz der einzig richtigen Wahrheit wären? Eine Anmaßung, welche die Saat für blutige Konflikte in sich trägt. Religion sollte doch Wegweiser und nicht Dogma sein. Sie kann zwar Dogma sein, aber wenn sie dies sein muss, um zu bestehen, hat sie ihr Ziel verfehlt. Sie muss den Menschen Hilfe und Stütze sein, nicht Fessel oder moralisches Gefängnis.

Wie viele vom „Bodenpersonal Gottes“ predigen Wasser und trinken heimlich Wein? Predigt lieber verdünnten Wein und lasst jeden seine Mischung selbst herstellen: dann könntet auch ihr wahrhaftiger sein.

Religiöse und Atheisten! Vereinigt euch zu einem Konsortium für die Menschlichkeit, zu einem Pakt, welcher das Wohlergehen aller zum obersten Ziel hat, frei von Vorurteilen, Begehrlichkeiten, Neid und Verblendungen. Eine Gemeinschaft also, die nicht Widersprüche hervorhebt und Rechthaberei schürt, sondern Gemeinsamkeiten erfasst, jeder Richtung Respekt zollt und Achtung entgegenbringt.

Ich verharre kurz in diesem Tagtraum bis zum nächsten Gedankensprung zu den aktuellen Tagesereignissen:

Im Westjordanland bricht wieder, wie so oft im 20. Jahrhundert, der ständig schwelende Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser offen aus.

Unfähig einen Schnitt zu machen, um eine gemeinsame Zukunft zu gestalten, ziehen die jugendlichen Eiferer, angespornt von unflexiblen, mit den Gedanken in der Vergangenheit verhafteten Religionsfüh

rern und uneinsichtigen Politikern, eine weitere Blutspur durch die Geschichte.

Wieder schwebe ich in Gedanken zu meinem weit entfernten Planeten und schaue durch ein Teleskop auf die Erde.

Keine geistige Macht kann so ein Blutbad wirklich gutheißen. Es sind die Menschen, welche anderen Menschen das Paradies versprechen, wenn sie für die jeweiligen Ziele ihres geistigen Führers sterben – von den Menschen geschaffenes Märtyrertum, von den Menschen geschaffenes Leid und Elend.

Doch auch die Opfer sind nicht unschuldig. Viele sterben durch das Schwert, weil sie sich für den Kampf entschieden haben. Andere machen sich schuldig, weil sie nie versucht haben, Lösungen zu finden. Sie haben Missstände ignoriert und den Dialog verweigert. Auch Untätigkeit kann Konflikte verursachen.

Sich dem Dialog zu verweigern geht nur solange gut, bis der Damm aufgestauter Gefühle und Missverständnisse bricht und die Welle der Gewalt alle Möglichkeiten einer gütlichen Konfliktlösung hinwegspült.

Wieder werde ich aus meinen Gedanken gerissen.

„Papa, jetzt reicht es: Die nimmt mir immer mein Spielzeug weg und will es mir nicht mehr geben“, ruft mir die große Tochter zu. „Der Puppenwagen gehört mir, ich habe ihn geschenkt bekommen!“

„Jetzt lass sie doch eine Weile damit spielen!“, versuche ich zu schlichten.

„Das ist ungerecht, es ist mein Puppenwagen“, protestiert sie und drängt auf eine Entscheidung.

Ich lege ihr meinen Arm über die Schulter und frage sie mit ruhiger Stimme: „Was geht dir denn verloren, wenn du ihr den Wagen eine Weile überlässt? Setz’ dich kurz zu mir, wir warten bis sie fertig gespielt hat!“

Nun rufe ich die Jüngste zu mir und setze ihr eine Spielfrist, welche sie widerwillig akzeptiert.

Eine kleine Szene unter Kindern, welche das Geschehen auf dieser Erde widerspiegelt?

Aber wo ist der „Papa“, der die Konflikte der Welt entschärft?

Einige Zeit später sind wir auf dem Heimweg. Die untergehende Sonne taucht unser fruchtbares, friedliches Land in ein weiches Abendrot. Ich beobachte die Kinder, welche von uns die Zukunft erben werden.

Sie sind die Ernte von morgen, deren Saat wir heute säen, so wie wir die Ernte der Saat von gestern sind.

In der Hoffnung, dass es viele gute Sämänner gibt, gehe ich voller Zuversicht in die Zukunft.



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