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„Welch
wunderbarer Tag“, flüsterte der greise Wolf, welcher unterhalb
seines Lieblingsfelsens im Schatten eines großen Baumes lag. Die Strahlen
der Spätnachmittagssonne blinzelten durch das Blätterdach und
er dachte zurück an seine Kinder und Jugendzeit. Immer schon unterschied
er sich von den anderen seines Rudels. Während die meisten seiner Spielkameraden
in wilden Kämpfen ihre Kräfte erprobten, zog er sich schüchtern
zurück, um das Geschehen aus dem Abseits zu beobachten. Oft wurde er
deshalb ausgelacht und manchmal war er auch die Zielscheibe von Hohn und
Spott. Dann zog er sich traurig zurück in das schützende Dickicht
des Waldes und betrachtete das Tanzen der Schmetterlinge oder genoss den
Duft der üppigen Blumenwiesen, welche den Rand des Waldes säumten.
Er schloss Freundschaft mit anderen Tieren des Waldes, welche normalerweise
die Flucht ergriffen, wenn sie einen Wolf auch nur witterten.
Niemand durfte von diesen Freundschaften wissen, denn ein Wolf tut so etwas nicht. Ein Wolf ist stark und die Tiere des Waldes sollen sich fürchten. Das gibt dem Rudel Sicherheit und so will es das Gesetz der Natur. Ein Wolf, der ein Freund anderer Tiere ist, kann kein richtiger Wolf sein. Heimlich also entfernte sich der Außenseiter immer wieder vom Rudel, um immer neue Bekanntschaften zu schließen. Diese Exkursionen führten ihn auch immer wieder in neue Gegenden des Waldes, wo er Dinge sah, welche den anderen verborgen blieben. So häufte er immer mehr Wissen und neue Erkenntnisse an, bis er eines Tages mehr Erfahrung und Erlebnisse gesammelt hatte als alle anderen Mitglieder seines Rudels.
Jahre
gingen ins Land und er wuchs zu einem stattlichen Exemplar seiner Art heran.
Immer noch zankten sich die ebenfalls erwachsen gewordenen Gefährten
um gemeinsam erlegte Beutetiere und immer wieder gab es wilde Raufereien
und Machtkämpfe um die Rangordnung innerhalb des Rudels. Manche schmiedeten
Rachepläne und Intrigen, um in der Hierarchie höher zu kommen,
andere schlichen unterwürfig und Speichel leckend um die Ranghöchsten
im Rudel herum, um höher in deren Gunst zu stehen und dadurch Vorteile
für sich selbst zu erhaschen. Sie ließen sich für die Interessen
der Mächtigen zu Instrumenten von Neid und Habgier missbrauchen und
merkten dabei nicht, wie sie ihre Seelen wie faules Obst auf einem Jahrmarkt
feilboten.
Dies alles beobachtete der einsame Wolf, doch bemerkte er auch, wie immer mehr zu ihm kamen und um Rat fragten, weil er anders war als die meisten. Unverbraucht und frei im Denken. Unabhängig, reinen Herzens und nur sich selbst und seinem Gewissen verpflichtet wurde er zum Ratgeber für diejenigen, welche den Weg zu ihm fanden und bald war er ein unentbehrliches Mitglied des Rudels. Ein stabilisierendes Glied der Gemeinschaft. Der Fels in der Brandung im Meer der Kämpfe um Macht, Besitz und Anerkennung. Er hatte eine Familie und kümmerte sich liebend um den Nachwuchs. Alles war so wie es nicht besser hätte sein können.
Doch tief in seinem Herzen war er immer noch der einsame Wolf. Zwar kamen viele, um seinen Rat zu hören und noch mehr, um mit ihm Freundschaft zu schließen, doch kaum einem konnte er seine tiefsten Gedanken und Gefühle anvertrauen. Denn diese unterschieden sich zu sehr vom Verständnis der Allgemeinheit und bei fast jedem Versuch, seine Gedanken einem anderen mitzuteilen, wurde er entweder nicht verstanden oder ausgelacht. Manchmal in der Nacht, wenn der Vollmond seinen hellen Schein zur Erde schickte, schlich er sich davon, weit hinein in den Wald, kletterte hinauf auf seinen Lieblingsfelsen und wenn die Traurigkeit sein Herz zu sprengen drohte, heulte er laut in die Stille des funkelnden Sternenhimmels. Am Morgen kam er wieder zurück in seine Höhle und lebte in Frieden in der Geborgenheit des Rudels.
Die Zeit brachte viele Veränderungen mit sich. Freude und Leid wechselten sich ab. Durch Alter und Krankheit kamen viele aus dem Rudel zu Tode, doch oft gab es Anlass zur Freude, weil wieder ein Wurf gesunder Welpen das Licht der Welt erblickte. Dadurch veränderte sich auch die Struktur des Rudels und auch seine Familie blieb nicht vom Lauf der Zeit und den Schlägen des Schicksals verschont. Der Nachwuchs ging irgendwann seines Weges und hatte keine Zeit mehr für die Belange des alternden Wolfes. Zuviel hatten sie mit den eigenen Problemen und Dingen des Alltags zu tun. Seine Gefährtin wurde ihm von der Seite gerissen und der Schmerz über den Verlust brach ihm das Herz.
Immer noch, jedoch nur noch selten, fand jemand den Weg zu ihm, um seinen Rat zu hören, denn die Zeit hat die Gesetze des Zusammenlebens verändert und nur noch wenige wussten um die Vorteile der alten Werte. Dabei hätte es dem alten Wolf schon gut getan, wenn wenigstens die elementarsten Werte einen festen Platz im Gesellschaftssystem der neuen Generationen gefunden hätte. Nach langen fruchtlosen Diskussionen jedoch zog er sich müde und enttäuscht aus dem Rudelleben zurück, um den Dingen schweren Herzens seinen Lauf zu lassen.
Nun, da er erschöpft seinen alten, schmerzenden Knochen immer längere
Pausen gönnen musste und die alltäglichen Dinge immer beschwerlicher
wurden bemerkte er, wie sich immer mehr von ihm abwandten. Manchmal hörte
er, wie die Besucher über sein baldiges Ableben zu flüstern begannen
und die wenigen Güter unter sich aufteilten. Einige zankten sich schon
um das ein oder andere Schmuckstück, welches er als Erinnerung an bessere
Zeiten liebevoll wie einen Goldschatz hütete. All dies machte ihn noch
trauriger und immer öfter fragte er sich, was er auf dieser Erde noch
sollte. Eines Tages, als die Erbschleicher wieder seine Höhle betraten,
war er, wo immer sie auch suchten, nicht mehr aufzufinden. Die Sonne stand
als roter Feuerball tief im Westen, um den Tag ausklingen zu lassen. Einige
der Tiere, mit denen er in seiner Jugend Freundschaft geschlossen hatte,
waren herbeigeeilt, um ihm in seinen letzten Stunden beizustehen und obwohl
sie nicht zu seiner Art gehörten waren sie traurig; denn sie spürten,
dass eine besonders wertvolle Seele sie bald verlassen würde. Der alte
Wolf blickte in die Runde und freute sich, denn er wusste nun, dass er recht
tat, als er diesen Tieren seine Freundschaft anbot und ihnen seine Achtung
entgegenbrachte.
„Ein schöner Tag, um zu sterben“ flüsterte er wieder.
Er raffte sich auf, forderte seinen schmerzenden Gliedern noch einen letzten
Kraftakt ab, um auf seinen Lieblingsfelsen hinaufzuklettern, um mit Wehmut
auf die Wälder hinabzuschauen, in denen er so lange gelebt hatte. Obwohl
die Mittagshitze noch die Luft flimmern ließ, begann der einsame Wolf
zu frieren und mit einem tiefen Seufzer hauchte er sein Leben aus. Und während
die Tiere des Waldes um ihn weinten, zankten sich die Wölfe im Rudel
um seine Habseligkeiten. Die wenigen im Rudel, welche seine Worte begriffen
hatten, wandten sich ab und zogen sich zurück. Allein und im Stillen
dachten sie an den einsamen Wolf.
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